Becoming and Staying a Psychoanalyst in a Changing World
von DPG
Am Freitagabend traf sich im EPF-Haus in Brüssel zunächst eine kleinere Gruppe von Kolleginnen und Kollegen zu einem informellen Empfang. In der angenehmen Atmosphäre der schönen Räumlichkeiten des EPF-Haus in Brüssel entstanden erste Gespräche und Begegnungen, die einen stimmigen Auftakt für die gemeinsame Arbeit am folgenden Tag bildeten.
Am nächsten Morgen kamen rund 60 Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker aus 17 Ländern zusammen. Eingeladen hatte eine Gruppe erfahrener europäischer Kolleginnen und Kollegen, darunter Ingo Focke, Evelyne Sechaud, Vic Sedlak und Serge Frisch. Die Tagung stand unter dem Titel „Becoming and Staying a Psychoanalyst in a Changing World“. Ausgangspunkt war die Sorge um die Zukunft der Psychoanalyse in freudscher Tradition angesichts einer sich rasch verändernden Welt – geprägt von kulturellen und politischen Umbrüchen sowie dem Einfluss der Digitalisierung.
Den inhaltlichen Rahmen setzte eine Einführung von Ingo Focke. Die anschließende Arbeit in der moderierten Großgruppe orientierte sich an der Methode der freien Assoziation und eröffnete einen Denkraum, in dem persönliche Erfahrungen, generationelle Unterschiede, Bilder, Ideen und institutionelle Entwicklungen miteinander in Resonanz treten konnten. Auch Unsicherheiten und Sorgen im Hinblick auf die Zukunft der Psychoanalyse fanden hier ihren Platz.
In den Pausen gelang es, mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen Ausbildungs-, Instituts- und gesellschaftlichen Hintergründen in einen intensiven Austausch zu kommen. Dabei wurde deutlich, was es hier wie dort bedeutet, Psychoanalytikerin oder Psychoanalytiker zu werden, zu sein und zu bleiben.
Der Beitrag von Evelyne Sechaud wurde aus der Gruppe heraus als „wie ein Leuchtturm im Hafen“ beschrieben. Sie hatte die Methode der Psychoanalyse auf ihre unveränderbaren Grundlagen zurückgeführt, die freie Assoziation und die gleichschwebende Aufmerksamkeit. Die Freiheit des Ausdrucks ist spezifisch für die Methode und ihr Alleinstellungsmerkmal. So wie sich jedes Individuum mit den persönlichen Entfremdungen auseinandersetzt, begegnen wir diesen auch in der gegenwärtigen Kultur und in unseren Institutionen. Im Unterschied zu Theorien, die ständig weiterentwickelt werden, bleiben die Grundlagen der Freud’schen Entdeckungen gleich, wie das Unbewußte, wie es sich in Träumen zeigt, Verdrängung, infantile Sexualität, Triebe und Übertragung. Diese Überlegungen dazu, was es heute noch heißt, Psychoanalytikerin oder Psychoanalytiker zu sein – im Hinblick auf Methode, Setting, Behandlungsform und theoretische Verankerung – gaben der Großgruppe eine spürbare Orientierung.
Ausgehend von der Ambivalenz jedes Analytikers gegen die Psychoanalyse selbst stellte Vic Sedlak in seinem Vortrag das Setting als zentralen Bestandteil psychoanalytischer Behandlung dar, als eine Voraussetzung sich unbewussten Prozessen zu überlassen („Immersion“). Unterschiede zwischen dem Eitingon-Modell und dem französischen Modell der psychoanalytische Ausbildung regten lebhafte Diskussionen an, durch die konzeptuellen Unterschiede nachvollziehbar wurden. In vielen Wortmeldungen wurde die Schwierigkeit deutlich, unter den heutigen Bedingungen Analytiker zu werden, zu sein und zu bleiben – nicht zuletzt im Spannungsfeld unterschiedlicher Generationen.
Immer wieder stand die Frage im Raum, wie Psychoanalyse zwischen Bewahrung und notwendiger Anpassung bestehen kann – besonders im Kontext des digitalen Zeitalters. Am Ende blieb weniger eine fertige Antwort als die gemeinsame Verabredung, die entstandenen Fragen in die jeweiligen Institute und psychoanalytischen Gesellschaften zurückzutragen. Als Teilnehmerin einer jüngeren Generation von Psychoanalytikern blieb für mich besonders der Wunsch, den Blick auch künftig darauf zu richten, wie Psychoanalyse in der Zukunft sein und bestehen kann – und darüber hinaus auch, wie Zukunft durch und mit Psychoanalyse gestaltet werden kann.
Anna-Luisa Sahlfeld
Hamburg, 04.03.2026