Wo bleibt die dritte Aufklärung?

von DPG

Erschienen in der F.A.Z.  am 11.11.2021, Bildungswelten (Politik)

Wo bleibt die dritte Aufklärung?

Ein Affront gegen Freud und Mitscherlich: In Frankfurt droht der Lehrstuhl für Psychoanalyse zu verschwinden / Von Marianne Leuzinger-Bohleber

Während der langen Monate der Pandemie haben Verschwörungstheorien, Gewalt, Fremdenhass, Antisemitismus und Populismus in erschreckender Weise zugenommen. Sie sind mitbedingt durch individuelle und gesellschaftliche Regressionsprozesse. Dabei wird versucht, unerträgliche Komplexitäten zu bewältigen, indem vereinfacht zwischen gut und böse, richtig und falsch, schwarz und weiß, Ich und Du, Wir und Ihr unterschieden wird. Dieses reduktionistische, vereinfachende Denken und Fühlen befriedigt zentrale unbewusste Fantasien und schafft scheinbare Orientierungen und Erleichterungen, stellt aber eine enorme Bedrohung für unsere westlichen Demokratien dar. Schon 2017, vor der Pandemie, haben der Psychoanalytiker Heinrich Geiselberger und andere Autoren vor einer großen Regression in den westlichen Gesellschaften gewarnt, die zu einem Zusammenbruch einer internationalen, der Aufklärung verpflichteten Wertekultur führt. In diesen Gesellschaften sei etwas ins Rutschen geraten, sie würden in ihrem Selbstbild erschüttert: Etwas Rohes und Unkontrollierbares sei in die politische Öffentlichkeit eingezogen, es würde schamlos gehasst, gefährliche Gefühle, Gewaltfantasien und sogar Tötungswünsche hemmungslos artikuliert.

Die digitalen sozialen Medien scheinen diese Prozesse in fataler Weise zu beschleunigen und zu verstärken. Wie dies kürzlich auch Jürgen Habermas diskutierte, rütteln sie an den Grundfesten demokratischer Meinungsbildung, da jeder - ohne eine Form der kritischen Filterung und Bewertung - seine eigene Meinung und spontanen Affekte im Netz verbreiten kann, Fake News keine Korrektur erfahren, Wahrheit und Wissen fragmentiert und manipuliert werden. Der südkoreanische Philosoph Byung-Chul Han spricht davon, dass in der postfaktischen Informationsgesellschaft das Pathos der Wahrheit ins Leere gehe. Es verliere sich in Rauschen und Information. Die Wahrheit zerfalle zum Informationsstaub, der vom digitalen Wind verweht werde. Auf Twitter oder auf Facebook können keine Debatten ausgetragen werden, die vom Argument und Gegenargument, von Zeit und Raum und von authentischen, persönlich vorgetragenen Meinungen leben, die zentral für jede demokratische Meinungsbildung sind. Statt zu argumentieren, wird performt und affektiv infiziert. Daher fordern viele, so auch der Zürcher Philosoph Michael Hampe, dringlich eine dritte Aufklärung. Nur durch eine solche Bildungsbewegung, die ein neues Bewusstsein schaffe für die Verantwortung wie für die Handlungsspielräume des Einzelnen, könne mit einem kritischen Urteilsvermögen diesen Gefahren entgegengetreten werden. Hampe verweist darauf, wie wichtig dabei auch psychologische Faktoren sind, wie ein Vertrauen in sich selbst und andere, verbunden mit der Fähigkeit zu einem adäquaten Misstrauen und einer kritischen Grundeinstellung. All dies seien Voraussetzungen, um die drängenden globalen Aufgaben und Ziele zur Rettung unseres Planeten in der aktuellen Klimakrise zu erkennen und sich entsprechend zu engagieren, statt einem fatalistischen, apokalyptischen Geschichtsbewusstsein oder aber einer kollektiven Verleugnung zu verfallen. Nur ein gemeinschaftliches bewusstes Handeln könne Menschen zu Subjekten der Geschichte machen, anstatt deren Opfer zu sein.

In professionellen Psychotherapien geht es darum, Menschen zu helfen, die psychisch erkrankt sind, oft auch begünstigt durch gesellschaftliche Wirklichkeiten. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass gerade in einem Gebiet wie der Psychotherapie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität aktuell Entscheidungen getroffen werden, die einer solchen dritten Aufklärung fundamental entgegenzuwirken scheinen. Treiber der Fehlentwicklung ist das novellierte "Psychotherapieausbildungsreformgesetz".

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen ist in diesem Gesetz ausdrücklich festgeschrieben worden, dass in der künftig universitären Ausbildung zum Psychotherapeuten die Studierenden vor ihrer Approbation professionell, gründlich und kritisch mit verschiedenen Traditionen und Ausrichtungen der Psychotherapie konfrontiert werden sollen. Die vertiefte Kenntnis der psychotherapeutischen Schulen, die Auseinandersetzung mit deren unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen, mit deren natur- oder humanwissenschaftlich geprägten Menschenbildern, deren unterschiedlichen Konzeptualisierungen psychischer Erkrankungen, deren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten, verschiedenen Forschungsmethoden und Qualitätskriterien ist Voraussetzung dafür, dass die Studierenden sich für ihre anschließende Weiterbildung für eine der Hauptrichtungen der wissenschaftlich anerkannten Psychotherapien entscheiden können. Vier Richtungen, die Verhaltenstherapie, die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die systemische Therapie wurden vom Wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie aufgrund vorgelegter empirischer Studien als wissenschaftlich anerkannt. Die entsprechenden Patientenbehandlungen werden daher auch von den Krankenkassen finanziert. Auf den ersten Blick wird dieser Pluralität entsprochen, wenn, wie das Präsidium der Universität mitteilte, alle wegen des neuen Studiengangs zu schaffenden Professorenstellen verfahrensoffen ausgeschrieben werden, das heißt Bewerberinnen und Bewerbern aller Richtungen im Sinne der Bestenauslese die gleichen Chancen eingeräumt werden.

Jeder, der sich in der Psychotherapielandschaft auskennt, weiß aber, dass das scheinbar objektive Argument der Bestenauslese in diesem Fall einer vornehmen Verhüllung der Machtverhältnisse dient. Bei allen Kriterien einer solchen verfahrensoffenen Ausschreibung sind tiefenpsychologische, systemische, aber ganz besonders psychoanalytische Bewerberinnen und Bewerber strukturell benachteiligt. Alle diese drei Verfahren sind aus der Freud'schen (Aufklärungs-)Tradition hervorgegangen und verstehen seelisches Leiden immer auch als ein Leiden an der Gesellschaft. Doch hält besonders die Psychoanalyse, als das älteste Geschwister der psychodynamisch orientierten Therapieverfahren, daran fest, dass die Behandlung seelischen Leidens Zeit und Raum braucht und daher nur beschränkt beschleunigt werden kann. Dies hat die Psychoanalyse auch mit entsprechenden evidenzbasierten Wirksamkeitsstudien zur Langzeitbehandlung und ihrer Nachhaltigkeit belegt.

So wichtig diese Studien gerade im Hinblick der Akzeptanz für die akademische Welt auch sind, wird darin kaum erfasst, was Psychoanalyse ausmacht: die minutiöse Entschlüsselung unbewusster Sinnstrukturen von irrationalem Denken, Fühlen und Handeln eines einzelnen Menschen aufgrund seiner spezifischen Konflikt- und Traumageschichte. Diese für Patienten zentralen psychischen Veränderungen können nicht quantitativ gemessen, sondern nur erzählt werden. So hat die klinische Forschung der Psychoanalyse eine große Nähe zur (kritischen) Hermeneutik. Solche Forschungsprojekte sind aber sehr viel schwieriger in jenen Zeitschriften zu publizieren, die wegen eines hohen Impactfaktors in Berufungsverfahren eine wichtige Rolle spielen. Außerdem ist es weit schwieriger, dafür Drittmittel einzuwerben. Daher haben psychoanalytische Bewerber in einem verfahrensoffenen Wettbewerb kaum eine Chance, weil ihre intensive Selbsterfahrung und jahrelange Praxis nicht in die Waagschale geworfen werden.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Frankfurter klinische Psychologie durch eine verfahrensoffene Ausschreibung auf ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal verzichtet. Nur in Frankfurt war bisher in der klinischen Psychologie der Dialog der Schulen zwischen den beiden Hauptrichtungen der wissenschaftlichen Psychotherapie konkret möglich, da einer der Lehrstühle durch den voll ausgebildeten Psychoanalytiker Tilmann Habermas vertreten wird. Dadurch war bisher bereits Realität, was im "Psychotherapieausbildungsreformgesetz" für die Zukunft gefordert wird.

Soll im nächsten Jahr nicht nur der Lehrstuhl für Psychoanalyse still und heimlich verschwinden, sondern auch die oft individuell und gesellschaftlich unbequeme, einzigartige Aufklärungstradition der Psychoanalyse? Es handelt sich nämlich um den Lehrstuhl, der 1960 für Alexander Mitscherlich eingerichtet wurde.

Wenn an die spezifische Geschichte des Lehrstuhls erinnert wird, geht es weder um eine Idealisierung der Vergangenheit noch um die Leugnung, dass sich die Psychotherapie in die heutige Welt stellen muss. Im Gegenteil: Es geht um die Zukunft, die - im Sinne der Aufklärung - ohne Vergangenheit nicht denkbar ist, wie dies der Kasseler Philosoph Ulrich Sonnemann in einer für mich unvergessenen Schärfe formuliert hat: Zukunft ist von außen wiederkehrende Erinnerung, daher hat Gedächtnislosigkeit keine.

Die Geschichte des Lehrstuhls ist mit der Geschichte der Psychoanalyse in dieser Stadt eng verknüpft. Schon in den Zwanzigerjahren entstand eines der ersten psychoanalytischen Institute, das Frankfurter Psychoanalytische Institut, in Deutschland und erlebte eine erste Blütezeit in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialforschung. 1930 erhielt Sigmund Freud den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Nur drei Jahre später verbrannten die Nationalsozialisten seine Bücher auf dem Römer. Die meisten Psychoanalytiker mussten emigrieren, einige, wie Karl Landauer, wurden in Konzentrationslagern ermordet. Es war eine Geste der Wiedergutmachung, dass der hessische Ministerpräsident Zinn 1960 mit der Unterstützung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vom Institut für Sozialforschung das Sigmund-Freud-Institut gründete und Alexander Mitscherlich zu seinem ersten Direktor ernannte. Sein Bericht über die Verbrechen der Mediziner in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten "Medizin ohne Menschlichkeit", war einer der Gründe, weshalb er nie eine Professur in der Medizin erhielt.

Nachdem alle einschlägigen Versuche der Hessischen Landesregierung gescheitert waren, wurde für ihn ein fachbereichsübergreifender Lehrstuhl der Universität in Frankfurt eingerichtet. Gerade diese Tradition in der klinischen Psychologie soll nun abgebrochen werden. Selbstverständlich fallen die Weichenstellungen zur Besetzung von Lehrstühlen unter die Hochschulautonomie. Doch wenn ein Lehrstuhl verschwindet, der eine einzigartige aufklärerische Tradition in Frankfurt verkörpert, hat dies eine breitere, gesellschaftliche und gesundheitspolitische Bedeutung, gerade in einer Zeit, da eine dritte Aufklärung so notwendig ist wie vielleicht kaum je zuvor.

Die Autorin ist Psychoanalytikerin, lehrt an der Universität Kassel und hat das Sigmund-Freud-Institut geleitet.

 

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Leserbrief zu Marianne Leuzinger-Bohleber in der FAZ vom 11.11.2021 von Klaus Grabska (Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft)

Hamburg, 18.11.2021

In Ihrem beeindruckenden Plädoyer für den Erhalt der Psychoanalyse an der Frankfurter Universität anlässlich der Neubesetzung der Professur von Tilmann Habermas legt Frau Professor Leuzinger-Bohleber überzeugend dar, in welchem innigen Zusammenhang die Psychoanalyse als psychologische Wissenschaft und psychotherapeutische Behandlungsmethode mit einem Aufklärungsdenken verbunden sein kann, das für unsere Demokratie und für Fragen, wie man deren Gefährdung begegnet, eine große Bedeutung hat.

Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft würde es außerordentlich bedauern, wenn es für diese einzigartige und international anerkannte Konstellation an der Universität Frankfurt und im Fachbereich Psychologie in Frankfurt keinen Platz mehr geben könnte. Es würde einen weiteren Schritt der Marginalisierung bedeuten und einem verbreiteten Interesse von Studierenden an der Psychoanalyse als Wissenschaft und Psychotherapie widersprechen, die auf den Beruf des Psychotherapeuten qualifiziert vorbereitet werden wollen.

Besetzungen von Hochschulprofessuren sind immer auch wissenschaftspolitische Entscheidungen. Eine verfahrensunspezifische Ausschreibung verdeckt unter herrschenden Bedingungen, der nahezu 100 % Besetzung von Hochschulprofessuren durch Verhaltenstherapeuten und dem damit verbundenen personellen und finanziellen Lehr-, Forschungs- und akademischen Qualifizierungspotential an Promotionen und Habilitationen, die Fortschreibung des Ausschlusses von Psychoanalytikern aus der Psychologie an den Universitäten, die einer unausgesprochenen, aber dennoch intendierten Verunmöglichung der Akademisierung von Psychoanalyse gleichkommt.

Da diese exkludierende Wissenschaftspraxis eine jahrzehntelange Tradition hat, ist es nicht verwunderlich, dass sich keine psychoanalytische Wissenschaftskultur und keine Gemeinschaft von psychoanalytisch orientierten Wissenschaftlern, Professoren und Forschern in der universitären Psychologie herausbilden konnte und herausbilden kann. Auf diesem Hintergrund von Chancengleichheit bei einem Besetzungsverfahren zu sprechen, heißt die Menschen für dumm zu verkaufen und zeugt wenig von einem der Wahrheit und Aufrichtigkeit verpflichteten wissenschaftlichen Ethos. Auch die Hochschulautonomie in diesem Falle anzuführen, führt in die Irre, da diese im Fall der universitären Psychologie zu einer wissenschaftlichen Monopolisierung durch die Verhaltenstherapie anstatt zu einer wissenschaftlichen Vielfalt geführt hat, in der der Psychoanalyse ein würdiger Platz gebührt.

Hierfür wäre die Beibehaltung einer psychoanalytischen Hochschulprofessur am Fachbereich Psychologie der Universität Frankfurt und darüber hinaus auch die Schaffung weiterer psychoanalytischer Hochschulprofessuren an den psychologischen Fachbereichen der Universitäten ein allfälliger Schritt. Die Reform der Psychotherapieausbildung und das neue Studium der Psychotherapie bieten hierfür ausgezeichnete Möglichkeiten. Wer es ernst mit der Wissenschafts- und Paradigmenvielfalt und einem gleichberechtigten akademischen Wettbewerb meint, würde wohl nicht darum herumkommen und auf diese Weise die Psychologie als eine Wissenschaft fördern wollen, die nicht auf Ausgrenzung beruht.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Grabska
Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft

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