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  • Bericht über die 22. englischsprachige kasuistisch-technische Konferenz in London

 

Vom 14. – 16.6. 2019 fand zum 22. Mal die 1998 ins Leben gerufene englischsprachige kasuistisch-technische Konferenz in London statt – damals geboren aus der Idee, interessierten Analytiker/Innen der DPG die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeit mit namhaften Analytiker/Innen der verschiedenen Strömungen der britischen Psychoanalyse zu diskutieren sowie von deren eigenen Fallvorstellungen und der Diskussion dazu zu lernen. Dass diese Konferenz kontinuierlich bereits über 22 Jahre fortgeführt wird, auch wenn der Kreis der Interessierten nicht mehr 80 Personen umfasst, zeugt davon, wie lebendig der Wunsch nach Austausch und Bereicherung durch die Öffnung zum Internationalen weiterhin in der DPG ist. Ein weiteres Zeichen davon ist auch, dass es auf der jetzigen Tagung eine gute Mischung von älteren und jüngeren KollegInnen gab und die Resonanz ganz überwiegend sehr positiv ausfiel. Wir waren etwa 20 Teilnehmer/Innen und vielleicht war es diese übersichtlichere Gruppengröße, die dazu führte, dass eigentlich alle Diskussionen lebhaft und mit breiter Beteiligung verliefen. Zum Konzept dieser Tagung gehört, dass jeweils ein Repräsentant der drei verschiedenen Gruppierungen des British Institute – Kleinians, Independants, Contemporary Freudians - eingeladen wird, das verschafft uns Teilnehmer/Innen die Möglichkeit, die Unterschiede der theoretischen Orientierung und deren Handhabung im Besprechen der kasuistischen Arbeit deutlicher zu erkennen. In diesem Jahr kam aber zu dem bewährten Format etwas Besonderes hinzu, der traurige und anrührende Abschied von Irma Brenman Pick. Sie ist sicherlich fast allen DPG-KollegInnen durch ihre engagierte Teilnahme an vielen Tagungen oder auch eigenen Supervisionen bekannt, für die Londoner DPG-ktK war sie eine tragende Säule, sie wirkte von Anfang an mit.

Passend zu diesem Anlass wurde die Tagung am Freitag Nachmittag in den ehrwürdigen Räumen des British Instituts durch eine Fallvorstellung von Gisela Klinckwort eröffnet, kommentiert von Irma Brenman Pick. Auch Gisela Klickwort ist ja eine Säule dieser Londoner Konferenzen, denn ihrer Mitgliedschaft im British Institute und ihrem langjährigen Engagement verdanken wir es, dass wir in den Räumen des Instituts arbeiten können. Nun war es aufgrund der kleinianischen Orientierung beider Kolleginnen vielleicht keine große Überraschung, dass herausgearbeitet werden konnte, dass in der Fallgeschichte die Dynamik unbewußten Neids vermutlich eine wesentliche Rolle spielt, entscheidend und überzeugend aber war, wie Frau Brenman Pick dem unterirdischen Wirken dieses Affekts nachspüren und dies in der Gruppe verdeutlichen konnte. Nach der Diskussion der Behandlung wurde sie verabschiedet, dazu fasste Gisela Klickwort im Namen der Vorbereitungsgruppe der Tagung das langjährige Mitwirken von Irma Brenman Pick zusammen und dankte ihr herzlich, Klaus Grabska als Vorsitzender der DPG drückte im Namen der DPG Dankbarkeit aus und die Gruppe äußerte sich durch langen Applaus. In der Abschlußrunde am Sonntag zeigte sich, dass einige Teilnehmer/Innen unglücklich darüber waren, dass die Zeit mit Frau Brenman Pick nun beendet wurde. Es ist jedoch Teil des Formats dieser Tagung, dass die Supervisor/Innen jeweils auch einen eigenen Fall vorstellen, sie aber behandelt nicht mehr selbst. Vielleicht aber gehört es außerdem zum Abschiednehmen dazu, dass sich etwas in uns wehrt, sich dagegen ausspricht, immer weitermachen möchte - und es war wichtig, dass auch diese Stimmen gehört wurden.

Es tut der Konferenz gut, dass der Freitagabend frei ist, so dass neben der kollegialen Zusammenarbeit auch für persönliche Begegnungen oder Erkundungen von London Zeit ist.

Am Samstagvormittag kommentierte Rosine Perelberg von der Gruppe der ‚Contemporary Freudians‘ die Fallvorstellung von Dimitri Natoschen. Besonders interessant in der Gruppendiskussion mit Frau Perelberg war, dass auch fallbezogene konzeptuelle und behandlungstheoretische Fragen aufgeworfen und erörtert wurden, z.B. Fragen, wie wir die Selbst- und die Triebstruktur, aber auch den jeweiligen „state of mind“ eines Patienten in einer Stunde erfassen und unsere Deutungen und Interventionen darauf einstellen können. Vermutlich ist ein Großteil der Gruppe mit den Konzepten der Kleinians inzwischen recht vertraut, Rosine Perelberg steht hingegen u.a. für eine schulenübergreifende Orientierung und sprach beispielsweise auch französische analytische Denklinien für das Verständnis der vorgestellten Patientin an, die für einige vielleicht noch weniger bekannt sind.

Der Samstagnachmittag war wiederum zur freien Verfügung, danach trafen wir uns in den schönen Räumen des Freud Museums wieder, nach der Flucht vor den Nazis Freuds „letzter Adresse auf diesem Planeten“, wie er schrieb. Don Campbell hatte für uns den Film ‚Blue Velvet‘ von David Lynch (1986) ausgewählt, der vielfältige Aspekte der manifesten wie der Beziehungs-Perversion in Szene setzt. In Zusammenarbeit mit seinem Sohn, der selbst Regisseur ist, besprach Don Campbell den Film im Anschluss, dabei stellte er vor allem das sehr frühe Erleben und die Ängste des Kleinkindes in der paranoid-schizoiden Phase dar und diskutierte es für das Verständnis des Filmes. Die Diskussion in der Gruppe war engagiert, teils auch kontrovers, etwa darin, ob nicht zum Verständnis der Perversion eine weitergehende und eigene Theoretisierung nötig sei - das trug zur Lebendigkeit des Austausches bei. Ein sich anschließendes come-together ermöglichte der Gesamtgruppe einen angenehmen Ausklang, bei dem es auch Gelegenheit gab, mit den englischen Referent/Innen ins Gespräch zu kommen oder sich persönlich von Irma Brenman Pick zu verabschieden.

Am Sonntagvormittag durften wir nochmal in der besonderen Atmosphäre des Freud Museums arbeiten. Vic Sedlak kommentierte die Behandlung von Jutta Wolter-Kessler, ein interessanter Bericht einer Sackgassensituation. Vic Sedlak ist bekannt durch seine Arbeiten zum Über-Ich und zum Ich-Ideal des Analytikers - gerade ist sein sehr lesenswertes Buch ‚The Psychoanalyst's Superegos, Ego Ideals and Blind Spots‘ erschienen-und es gelang ihm sehr überzeugend, unser gruppales Über-Ich so anzuregen, dass die Falldiskussion lebendig, konstruktiv und vielseitig wurde. In der eigenen Fallvorstellung trug er seine behandlungsbezogenen Fragen der Gruppe vor, dadurch kamen wir in einen spannenden Prozess des gemeinsamen Überlegens dicht am Material.

Das Format ist bewährt und hat wiederum viel Anklang gefunden und für inspirierende Erfahrungen in der Gruppe der Kollegenschaft gesorgt. Der Vorbereitungsgruppe sei an dieser Stelle in der Hoffnung auf viele weitere dieser Tagungen herzlich gedankt für ihre umsichtige Vorbereitung und Durchführung.

Johanna Naumann, Hamburg, Juli 2019