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Symposium zu Ehren Ingo Fockes aus Anlass seines runden Geburtstags und des Ausscheidens aus dem DPG-Vorstand. 

Meine Gedanken im Vorfeld: an dem Stuttgarter Geburtstagssymposium werden sich in den Räumen der Akademie Freunde und langjährige Weggefährten treffen. Sie kennen Ingo Focke seit Jahrzehnten persönlich, haben lange Gespräche mit ihm geführt, vielleicht gestritten, sich versöhnt, gemeinsam gefeiert. Was habe ich, eine jüngere Analytikerin, dann dort zu suchen?

Zunächst eine kurze Antwort: Ich habe Ingo Focke seit 2007 jahrelang manchmal wöchentlich, später nur noch in schwierigen Behandlungssituationen oder vor Fallpräsentationen als „meinen“ Supervisor gesehen. Seine Ideen, sein ausgeprägtes Fein- und Mitgefühl waren sehr hilfreich – so wie man sich dies von einer guten Supervision wünscht. Aber da war noch mehr: in Zeiten des Haderns und der Anstrengung während der langen Ausbildung hat er mich immer wieder angesteckt mit seiner bei der Feier mehrfach erwähnten Begeisterung für die Psychoanalyse. Unvergesslich, wie er bei einer intensiven Auseinandersetzung über einen „unserer“ Patienten seine Brille so lange hin- und herschwenkte, bis sie in weitem Bogen durch das Zimmer flog. Häufig zitierte er Annemarie Sandler (selbstverständlich nicht nur!), so dass ich mich ein wenig in ihrer Generationennachfolge fühlen durfte und mich darum auch zu ihrem bewegenden Abschied nach Potsdam zur letzten Sandler-Konferenz aufgemacht habe. 

Das Symposium kreiste um ein theoretisches Lieblingsanliegen Ingo Fockes: das Konzept der Übertragung. Aus den Vorträgen von Thomas Beck, Ursula Kreuzer-Haustein und Bernd Gutmann sowie den Beiträgen der anderen Teilnehmer war zu erfahren, wie eng verwoben die Auseinandersetzungen mit psychoanalytischer Theorie und die Frage der Zukunft der DPG waren. Es war zu spüren, wie schwierig die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Neopsychoanalyse war. Vieles wurde über Bord geworfen, und der Umgang mit szenischem Verstehen, Übertragung und Gegenübertragung musste Schritt für Schritt mit viel Aufwand erlernt und erfahren werden. Dazu gehörten die Öffnung nach Außen und viele durchaus lustvoll beschriebene Reisen nach Paris zu Joyce McDougall und nach London zu Anne-Marie Sandler, die letztendlich den gesamten Prozess der Annäherung an die IPA begleitete und förderte. 

Ich gehöre zu der Generation, die ihre Ausbildung in einer Zeit begonnen hat, als diese Prozesse und die Annäherung an die IPA schon vollzogen waren. Wir haben die Folgen dieser institutionellen Veränderungen zu spüren bekommen; unter anderem weil wir zwei Sorten von Kandidaten waren (two track- modell), aber das ist eine andere Geschichte. Was mich bei dem Symposium beeindruckt hat, war, wie sehr das Leiden am Mangel (in der psychoanalytischen Ausbildung, den Lehranalysen und auch im Umgang mit Patienten) dazu geführt hat, sich die theoretischen Konzepte in einem gemeinsamen Ringen anzueignen. Während der Diskussionen wurde deutlich, dass dieses Ringen um analytische Konzepte noch andauert und die alten Weggefährten weiterhin mit Lust suchen und streiten. Diese Art Mangel (no breast…) haben wir (das ist meine persönliche Meinung) Kandidaten der 2000er Jahr nicht erfahren. Ich habe das Gefühl, in meiner Lehranalyse emotional und in den Seminaren theoretisch gut genährt worden zu sein. Dafür bin ich dankbar. 

Aber, vielleicht hat es auch etwas für sich, wenn man um gemeinsame Ziele -sowohl inhaltlich als auch institutionell - kämpfen muss. Unsere Generation scheint einzelkämpferischer und mehr mit den je eigenen Nöten beschäftigt.

Inge Gmelin, Stuttgart

 

Bericht vom Symposium „Eigene Übertragungskonzepte und ihre Folgen“, ausgerichtet von der Stuttgarter Arbeitsgruppe der DPG aus Anlass des 70. Geburtstages von Ingo Focke am 1. Juli 2017.

Ingo Focke und die Stuttgarter Kolleginnen und Kollegen unter Leitung von Gerhard Salzmann hatten zu diesem Symposium Weggefährten, Kollegen und Freunde eingeladen, die mit ihm gemeinsam die Entwicklungen innerhalb der DPG in den vergangenen 40 Jahren erlebt und gestaltet hatten. Auch der DPG-Vorstand mit dem DPG-Vorsitzenden Klaus Grabska sowie die Vorgänger in diesem Amt, Franz Wellendorf und Jürgen Körner, beteiligten sich. Außerdem waren viele Stuttgarter DPG-Mitglieder und Kandidaten der Einladung gefolgt. 

Wir erlebten einen sehr gehaltvollen Tag. Die Beiträge waren insbesondere deshalb so erfrischend, weil sie die Stimmung der Beteiligten so nachvollziehbar machten: Die Unzufriedenheit mit dem bisher Gelernten, das suchende Aufbrechen nach draußen, die Unsicherheit des Lernens, die Kontroversen und Brüche mit Kollegen. Die Perspektive wechselte hin und her, der Blick wandte sich von der Vergangenheit zur Gegenwart und auch in die Zukunft und wieder zurück.

Der Vormittag beinhaltete drei ganz verschiedene Vorträge zu den Entwicklungslinien im Verständnis psychoanalytischer Kern-Konzepte. Da war zunächst die persönliche Perspektive von Thomas Beckh, der ausgehend von den Stuttgarter Entwicklungen in den 70er Jahren miterleben ließ, wie notwendig es war, dass Einzelne ihrer Unzufriedenheit und ihrem Lern-Bedürfnis folgten und diese Impulse in Intervisionsgruppen, in der DPG-Arbeitsgruppe und Gesamt-DPG mitteilten. 

Ursula Kreutzer-Haustein konnte in ihrem klugen Vortrag die fortbestehende Brisanz der klinischen Erfahrung und theoretischen Konzeptualisierung von Übertragungen auf eine Art und Weise vermitteln, die aktuell spannend und spürbar wurde. 

Die Zeitreise, auf die uns Bernd Gutmann in seiner virtuosen Performance mitnahm, spannte einen weiten Bogen von den frühen Aufbrüchen nach Paris und London bis hin zu einer digitalisierten Zukunft und ihren virtuellen Möglichkeiten, ganz zentriert um die persönliche Geschichte von Ingo Focke mit der Psychoanalyse.

In den Diskussionsrunden am Nachmittag wurden - bei weiterhin ungebrochenem Zuhörerinteresse - Geschichten erzählt, Provokationen in den Raum gestellt, Metaphern entworfen, an längeren und kürzeren Übertragungs-Deutungen gefeilt, es wurde differenziert und konkretisiert. Serge Frisch, Klaus Grabska, Jochen Haustein, Gisela Klinckwort, Jürgen Körner, Uta Lerch, Frieder Roller, Eva Schmidt-Gloor und Franz Wellendorf brachten in wechselnder Besetzung im Zusammenspiel mit Ingo Focke und den Zuhörern unterschiedliche Variationen des Themas zu Gehör. Besonders anschaulich wurde es für mich dann, wenn die Problematik des Umgangs mit dem Unbewussten und der Übertragung anhand von Geschichten ausgeführt wurde, z.B. von Orpheus und Eurydike oder von der Dohle und der Raupe. Auch der direkte Vergleich der heutigen Diskussion mit derjenigen vor 20 Jahren am selben Ort (bei der historisch bedeutsamen DPG-Jahrestagung in Stuttgart 1997 zum Thema „Deuten im psychoanalytischen Prozess“) war für mich sehr bewegend. Die Lebendigkeit unserer Arbeit in der Praxis und im kollegialen Diskurs, wie sie bei Ingo Focke erlebbar wird, setzt sich ständig weiter fort, wird sie doch aufrechterhalten durch die Dialektik des Umgangs mit dem Unbewussten in der Übertragung, wie es z.B. in der Formulierung zum Ausdruck kommt: Wenn Analytiker sich sicher darüber sind, was die Übertragung ist, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass sie in einer Sackgasse stecken.

Auch denjenigen Teilnehmern des Symposiums, die an den früheren Entwicklungen selbst noch nicht beteiligt waren, vermittelte sich die Situation der DPG in den 70er und 80er Jahren auf ganz besondere Weise. Besonders das Engagement, das Herzblut, die Konfliktbereitschaft, aber auch die Freude an der Entwicklung, die Ingo Focke und die Kollegen zeigten, sowie die daraus gewachsenen intensiven persönlichen Beziehungen traten in ihrer ganzen Lebendigkeit zutage. Der Tag war für alle Beteiligten außerordentlich bereichernd. Er fand seinen Ausklang auf der Terrasse des Stuttgarter Instituts bei einem Glas Sekt und Musik.

Samuel Kenntner