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Bericht über die DIPSAT -Tagung 2018
(Deutschsprachige Internationale Psychoanalytische Tagung) in Berlin.

Das Über-Ich des Analytikers, Idealbildungen und Schuldgefühle – ein Thema, das mich beim Erhalt des Programmheftes sofort ansprach. Ich erinnerte mich an Ausbildungssupervisionen, kasuistisch- techni­sche Seminare, aktuelle Behandlungen, in denen manchmal eigene, eher quälende Über-Ich- Strukturen aktiviert wurden und zu Zweifeln und Insuffizienzgefühlen in Bezug auf meine analytischen Fähigkeitenführten. Eher relaxed meldete ich mich also an, auch zu den nachmittäglichen Supervisions­gruppen bei Supervisoren der DPV, um deren Arbeitsweise kennenzulernen.

Mein sanft schlummerndes Über-Ich wurde abrupt geweckt, als mich Herr Grabska und Herr Pioch baten, in einer Supervisionsgruppe einen Patienten vorzustellen. Zwar fiel mir sofort eine Behandlung ein, in der ich immer wieder mit meinen Analytiker-Idealvorstellungen in Konflikt geriet – doch eigentlich wollte ich mit eher schläfrigem Über-Ich nach Berlin fahren.

Dennoch war das Angebot verführerisch. Und nachdem ich anlässlich einer anderen Konferenz eine Fallvorstellung abgelehnt hatte, sagte ich also zu. Ausgestattet mit einem Packen Stundenprotokollen begab ich mich in die ehrwürdige Brandenburgische Akademie der Wissenschaften am Gendarmen­markt– und genoss eingerahmt von sonnenbeschienenen Domen die angenehme und willkommen heißende Atmosphäre und die perfekte Organisation. Sehr gefallen hat mir die Kopplung eines Vortrages mit einem Ko-Vortrag, der in der Regel von eine(r)m Ausbildungskandidat*in übernommen wurde. Insbesondere die Bereitschaft der Vortragenden und der Ko-Referent*innen, eigene analytische „Fehler“, „Tabu“-Gegenübertragungsgefühle wie Verachtung, Neid und Entwertung, Scham-, Schuld­gefühle und damit verbundene Behandlungsschwierigkeiten sehr offen und persönlich wiederzugeben, beeindruckte mich sehr. Einzelne Ko-Referent*innen wagten es auch, sehr klar und lebendig Alternativpositionen zum Hauptvortrag einzunehmen, ohne zu entwerten oder zu beschämen, was ich sehr anregend fand. Diskutiert wurde u.a. das Spannungsfeld zwischen einem „normalen“, Orientierung gebenden und einem pathologisch-rigiden zerstörerischen (Bionschen) super super ego – und die Emanzipation von diesem. Wohltuend war das Hören unterschiedlicher Deutsch-Dialekte, verbunden mit kurzen Einblicken in österreichische und schweizerische Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen. In den gut platzierten und ausreichend langen Pausen – und natürlich auch abends in einem der zahlreichen Berliner Restaurants - wurde oft lebhaft diskutiert. Das eher luftige Nachmittagsprogramm („nur“ Supervisionsgruppen) ermöglichte auch die eine oder andere „Sightseeing“-Unternehmung – und ersparte mir das auf den großen Jahrestagungen manchmal mühevolle Wählen aus zahlreichen Parallelveranstaltungen.

Würde sich diese offene, wohlwollende und dennoch Unterschiedlichkeiten und andere Sichtweisen benennende Haltung aus den Vorträgen und Diskussionen auch in den Supervisionen finden? Gelegentlich hatte ich erlebt, dass in Vorträgen oder Seminaren proklamierte Umgangsformen im sogenannten geschützten Supervisionsrahmen nicht immer eingehalten wurden.In der Freitag- Nachmittagssupervisionsgruppe mit Herrn Allert und etwa 20 Teilnehmer*innen war ich sehr angetan von der wertschätzenden und gleichzeitig durchaus konfrontierenden Arbeitsweise des Supervisors und der Gruppe. So sollte es auch am Sa bei Herrn Beyer weitergehen, wo ich meinen Patienten vorstellte: Gruppenteilnehmer*innen, die sich sehr lebendig äußerten, meine Arbeit anerkannten und dennoch blinde Flecken benannten, ohne dass ich mich als Analytiker insuffizient oder beschämt fühlte - ein Supervisor, der zurückhaltend und dennoch beharrlich seinen Standpunkt vertrat. Meine wohlwollend-strukturierenden Über-Ich-Anteile wurden gestärkt, gleichzeitig war ich sehr berührt und auch erschrocken angesichts eines bislang von mir nicht in diesem Ausmaß wahrgenommenen Teils der Innenwelt meines Patienten.

Zusammenfassend war die DIPSAT 2018 eine äußerst gelungene Veranstaltung mit einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Vorträgen und praktischem Arbeiten, mit Raum für auch kritischeAnmerkungen und mit ausreichend Zeit für Diskussionen, Nach-Denken und Nach-Fühlen. Zukünftigen Teilnehmer*innen empfehle ich sehr die Teilnahme an den Supervisionsgruppen, durchaus mit Vorstellung eines eigenen Patienten. Die DIPSAT 2020 ist in meinem inneren Kalender gebucht.

Dr.med. Axel Rösche, November 2018