DPG-Jahrestagungen

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Anmeldung zur DPG-Jahrestagung 2018 in Hamburg

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LIEBE KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN, LIEBE GÄSTE,

die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft lädt Sie herzlich zu ihrer Jahrestagung 2018 nach Hamburg ein. Der Gedanke, Trauma und Transformation zum Thema der Jahrestagung zu machen, entstand bereits zu Beginn der Tagungsvorbereitungen 2015 als uns erschütternde Berichte und Bilder von Flüchtlingen, Krieg und Terroranschlägen aufwühlten und uns die Begegnungen mit Geflüchteten in unserer Stadt sowie das Wissen um deren traumatisierende Schicksale und Lebensbedingungen tief betroffen machten. Die Auswirkungen von Terrorgefahr, Gewalt und Radikalisierung erzeugen gesellschaftlich Angst, Abwehr und ein Drängen nach mehr Sicherheit. Die Suche nach einfachen, populistischen Lösungen gewinnt dadurch an Attraktivität und lässt Nationalismus, Fundamentalismus und den Ruf nach einem mächtigen Staat erstarken, so dass in vielen Menschen die Furcht wächst, für sicher gehaltene demokratische Standards könnten verloren gehen.

Psychosoziale Ängste und Gefühle der Überwältigung verknüpfen sich dabei mit individuellen traumatischen Lebenserfahrungen, so dass unsere Fähigkeiten zur Auseinandersetzung und Reflexion gerade dann drohen eingeschränkt und beschädigt zu werden, wenn wir sie zur Bewältigung des Desintegrativen unbedingt brauchen. Daher möchten wir uns auf der Jahrestagung 2018 den Hintergründen des Traumatischen zuwenden, über unsere Erfahrungen nachdenken und ihre Auswirkungen auf unsere psychoanalytische Praxis ausloten.

Zunächst hat uns die Frage beschäftigt, was ein Trauma zum Trauma macht. Der Begriff des Traumas wird inzwischen so häufig gebraucht, dass er seine präzise Bedeutung und Tiefenschärfe zu verlieren droht. Wir möchten einer verdinglichten Verwendung des Trauma-Begriffs (Varvin) entgegen wirken und die Aufmerksamkeit auf die jeweils individuelle Traumatisierung und auf die dynamischen des- und reorganisierenden Prozesse im Individuum lenken. Freud beschrieb dieWirkung eines psychischen Traumas als eine Art Fremdkörper, „der noch lange Zeit nach seinem Eindringen als gegenwärtig wirkendes Agens gelten muss.“ (Studien zur Hysterie, 1895)

Wie verstehen wir traumatische Erfahrungen heute? Ist die Kontroverse zwischen Trauma und (Trieb-) Konflikt immer noch aktuell? Verstehen wir Freud so, dass er die ‚Verführungstheorie‘ als Irrtum aufgegeben hat und mit den Konzepten des Triebes, der psychischen Realität und der unbewussten Phantasie die Psychoanalyse begründet hat? Oder folgen wir den Überlegungen, dass wir in Freuds ätiologischer Theorie zwei sukzessiv entstandene, wechselseitigkomplementäre Versionen finden, wobei das Trauma Modell die augenscheinlichen Außenwelt-Faktoren und das Trieb-Modell die unsichtbaren Innenwelt-Faktoren akzentuiert? (Grubrich-Simitis)

Welche Bedeutung spielt darin die psychische Realität des traumatisierten Subjekts im Vergleich zu der durch einen anderen beobachtbaren ‚objektiven‘ Realität? Welche Bedeutung kommt dem kumulativen Versagen einer Halt gebenden Umwelt und der Primärobjekte des Kindes zu? (Winnicott) Und welche Rolle spielt die unbewusste transgenerationale Weitergabe von Traumata? Wir fragen weiter, in welchem Maße traumatische Erfahrungen kommunizierbar sind und wie sie ‚sagbar‘ werden können. Wie sehen Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker heute den Prozess der Bildung von Repräsentanzen traumatischer Erfahrungen und die Möglichkeiten der Versprachlichung ? (Küchenhoff) Und wie teilt sich die ‚Spur der Erinnerung‘ mit - durch Reinszenieren des Traumas, durch Enactments und durch Einschreiben in den Körper in Form von psychosomatischen Krankheiten? Können wir es als Umschrift (Quindeau) des Traumas verstehen, wenn PatientInnen wie eine Chimäre (Durban) ihr Denken, ihre Sprache, ihre Erinnerung angreifen oder ihnen Teile ihres Körpers oder der gesamte Körper fremd werden? Dabei interessiert uns, wie wir Patientinnen und Patienten begegnen, deren sinnstiftende Symbolisierungsfähigkeit geschädigt oder zerstört ist und wie wir in Psychoanalysen Erzählbarkeit und Verwandlung in ein Narrativ ermöglichen. Auch das veränderte Erleben von Raum und Zeit, von persönlicher Zeitlosigkeit oder einer „Schädigung von Zeitbegriff und zeitbezogener Gedächtnisfunktion“ möchten wir reflektieren (S. Kaplan, 2010). Immer wieder haben uns in diesem Kontext auch andere Wege der Transformation von Traumatischem in Kunst, Film und Literatur angeregt und werden auf der Tagung Raum finden.

Aus all dem ergibt sich die Frage, wie wir Erinnerung, innere Wahrheit, Wiederholungszwang und Nachträglichkeit heute konzeptualisieren. Setzen wir den Schwerpunkt darauf, dass der Prozess der Symbolbildung innerhalb des Übertragungs-Gegenübertragungsgeschehens stattfinden muss, wo sich Traumatisches im Durcharbeiten wiederholt und dadurch zugänglich wird? Halten wir Rekonstruktionsarbeit für sinnvoll oder zweifeln wir daran, weil sie sich nur mit dem expliziten Gedächtnis verknüpft? Finden wir den Vorwurf zutreffend, dass in der Psychoanalyse die schädigende Wirkung sogenannter ‚realer’ Traumen zu wenig berücksichtigt wird? Oder würden wir antworten, dass sie sich schon seit Freud „immer auch mit den unmittelbaren und mittelbaren Folgen von Traumatisierungen durch von außen kommende Reizüberflutung“ (Grubrich-Simitis, 2007) auseinandergesetzt hat? Welche Bedeutung kommt dabei der Anerkennung und Zeugenschaft des Psychoanalytikers zu, dass „das Grauen stattgefunden hat“ (Kreuzer-Haustein, 2017)?

Zuhören, Aufnehmen und Transformation von Traumatischem stellt auch für uns Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker eine Herausforderung dar. Es „macht erforderlich, dass der Analytiker bereit und fähig ist, sich gemeinsam mit dem Patienten in Bereichen der Selbsterfahrung und der Erinnerung aufzuhalten, die auf schmerzhafte Weise von Bedeutungslosigkeit gekennzeichnet und manchmal auch von blankem Entsetzen erfüllt sind“ (Varvin, 2017). Nicht nur unsere Patientinnen und Patienten, auch wir Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker laufen immer wieder Gefahr, uns aus inneren Gründen der beschwerlichen Aufgabe des Analysierens zu entziehen.

Ebenso werden auch in psychoanalytischen wie auch in anderen Institutionen traumatisierende Kräfte wirksam, werden Themen ausgeklammert und tabuisiert, sind nicht ‚sagbar‘? Gebrauchen wir Institutionen psychosozial gesehen vielleicht sogar dazu, dass wir Traumatisches in ihnen unterbringen, um uns selbst davon entlasten und frei davon fühlen zu können?

Alle diese Aspekte haben uns bewogen, die Jahrestagung dem Traumatischen und dessen Transformation zu widmen und uns – angeregt durch unsere Referentinnen und Referenten – dieser Herausforderung zu stellen.

Daher laden wir Sie herzlich ein zu einem kollegialen Austausch, zu gemeinsamem Fragen und Forschen und zu einer lebendigen, auch kontroversen Annäherung an das Tagungsthema.

Klaus Grabska | Vorsitzender der DPG  | Gudrun Wolber | Leiterin der Vorbereitungsgruppe

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Archiv der DPG-Jahrestagungen

Zwischen Welten - Jahrestagung 2017 in Nürnberg
Programm der DPG-Jahrestagung 2017 in Nürnberg

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Programm der DPG-Jahrestagung 2016 in Stuttgart

Begehren – bewundern – beneiden. Objektbeziehungen zwischen Sehnsucht und Zerstörung
Programm der DPG-Jahrestagung 2015 in Berlin

Erregter Stillstand: Zwischen Wahn und Wirklichkeit
Programm der DPG-Jahrestagung 2014 in Düsseldorf

Unerhört: Vom Hören zum Verstehen
Programm der DPG-Jahrestagung 2013 in Bremen

Konfliktwelten: Über die Schwierigkeit mit Neuem in der Psychoanalyse
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Die phantastische Macht des Geldes: Ökonomische Strukturen und psychoanalytisches Handeln
Programm der DPG-Jahrestagung 2011 in Hannover

Vor der Deutung: Sinnliches Körperliches Sprachloses in der Psychoanalyse
Programm der DPG-Jahrestagung 2010 in Berlin

Äussere und innere Realität
Programm der DPG-Jahrestagung 2009 in Magdeburg

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Programm der DPG-Jahrestagung 2008 in München

Über die (Un)Möglichkeit zu trauern
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Zumutungen - Die unheimliche Wirklichkeit der Übertragung
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"Wenn jemand spricht wird es hell..." – Liebe und Sexualität in der Psychoanalyse
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Das Ende des Ödipus: Entwertung und Idealisierung ödipaler Konzepte in der Psychoanalyse heute
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